Strassenmaler - Edgar Müller [wesen]

   

     Das Wesen der Strassenmalerei










Eröffnungsansprache von Markus Westendorf

anläßlich der Ausstellung im Stadtarchiv-Straelen
von Edgar Müller

Alle Kunst strebt nach dem Zustand der Musik behauptete einmal ein französischer Kunstphilosoph und reagierte damit auf das Phänomen eines sich auflösenden Kunstbegriffs.
Performance, Installationen, interaktive Ensembles, Envirementals, Happenings und Videoinstallationen bestimmen seit Jahren die aktuellen Kunstströmungen. Die Malerei ist tot, zuviel geschwiegen. Offene Kunstformen versuchen interaktiv zu wirken, versperren sich oftmals selbst den Weg durch Irritation, lärmende Verstörung und versnobten Galeriebetrieb. Dennoch ist auch diese Kunst ausgestattet mit der Sehnsucht nach Kommunikation, unmittelbar verständlich zu werden, zu emotionalisieren, so unmittelbar wie Musik, so emotional verstanden zu werden, wie Musik, so mitreissend, einnehmend, Erinnerungen hervorrufend. Das Spektrum der Möglichkeiten ist groß.
So einfach und direkt wie die Musik ist die Straßenmalerei von Edgar Müller. Straßenmalerei funktioniert augenscheinlich einfach. Einfach für den Betrachter. Alles ist direkt. Das Bild liegt dem Betrachter unmittelbar vor den Füßen. Es ist direkt zu dekodieren. Fast immer zeigt es gegenständliche oder figurale Sujets, manchmal sind vertraute Motive zu erkennen. Erzählende Motive sprechen besonders an. Weist das Bild einen dramatischen Effekt als zentrales Bildmotiv auf, ist es besonders geeignet. Zeit, die ikonographischen Feinheiten zu entschlüsseln, nimmt sich der Passant ebenso wenig, wie der kunstbeflissene Galerie-Besucher. Selbst einfache Symbole und Attribute sind nicht mehr Allgemeingut. Allegorische Darstellungen belässt der Passant auf der Ebene des Sichtbaren.
Vordergründig ist die Straßenmalerei, einfach für den Betrachter, so einfach zu erleben, wie Musik und so vergänglich, wie der Klang von Musik. Nach 1-2 Tagen ist ein auf den Asphalt gemaltes Bild fast verschwunden, unanschaulich, heruntergetreten, verwittert, wie ein jahrhunderte altes Fresco, verbleicht durch einen rapide beschleunigten Verwitterungsprozess.
Schade um das schöne Bild. Noch viel schader, wenn es sich um ein Bild in solch malerischer Qualität handelt, wie Edgar Müller sie auf den Asphalt der Fußgängerzonen bringt. Wenn Straßenmalerei von solchem Anspruch auf dem Pflaster der Vergänglichkeit preisgegeben wird, dann ist das auch verstörend, Straßenmalerei ist plötzlich schwierig für den Betrachter. Straßenmalerei ist unglaublich schwierig für den Aufführenden. Schwierig, ein Motiv zu finden, dass sowohl den Ansprüchen des Malers, als auch denen des Publikums genügt. Schwierig, in diesen Breitengraden eine regenfreie Periode zu erwischen, einen stark frequentierten Platz ausreichender Größe und passabler Asphaltqualität zu finden. Schwierig, sich dem Zugriff übereifriger Ordnungshüter und schwarzer Scheriffs zu entziehen. Ordnungsamtliche Verordnungen versuchen den malwütigen ebenso von seinem Tun abzubringen, wie zeternde Geschäftsanlieger, die immer noch nicht begriffen haben, dass sie so der sterbenden Innenstadt gänzlich den Garaus machen. Schwierig auch Kinderwagen, Scater und Ignoranten in ihrem zerstörerischen Lauf zu bremsen.
Die Schwierigkeiten von Proportion, anatomischer Genauigkeit und physiognomischer Glaubwürdigkeit hat Edgar Müller schon seit langem gemeistert.
Dieses ambitionierte Tun wirft Fragen bei dem Betrachter auf.
"Warum macht der das?" "Was ist, wenn's regnet?" "Kann man davon leben?" "Sie können das doch auf Leinwand malen und verkaufen." Der Betrachter versucht sich aus der Irritation in eine geschützte Welt zurückzuziehen. Hier passiert etwas, dass im sonstigen Kontext einer Stadt nicht vorgesehn ist. Hier ist ein Mensch, der auf hohem Niveau etwas schafft, ohne Auftrag, ohne erkennbare Bezahlung. Motiviert von einer fremden, ihm selber innewohnenden Antriebskraft, jenseits des Strebens nach einem bequemen Job mit dem Arsch im Trockenen. Was ist da los? Garnichts ist einfach. Warum geht einer mit solchem Talent auf die Strasse? Hier geht einer einer seltengeworden Tätigkeit nach. Der Beruf des Plakate- Schilder- Film- und Dekorationsmalers ist nahezu ausgestorben. Monumentale Straßentransparente werden von Printern geplottet, einem allen Individualisierungen trotzenden Corporate Design untergeordnet. New York, Rio, Tokio, kontrollierbare Standards lassen keine Platz für Begriffe, wie persöhnlicher Stil, individueller Duktus und private Auffassung. Selbst Fassaden und Brandmauern können mittlerweile von Tinte spritzenden Robotern erklommen werden.
Die Malerei ist tot. Zu lange hat sie den Stümpern das Feld überlassen.
Der gute Straßenmaler ist ein Anarchist in Aktion. Ein exaltierter Exot, ein knochenhart arbeitender Könner, ein gestählter Gestalter, ein Freak, der freundlich Fragen beantwortet.
Vor einigen Jahren stand ich dabei, wie Edgar Müller von einem Fernsehteam gefragt wurde, was ihn als Straßenmaler an der Kopie interessiere.Edgar gab eine so verblüffend einfache Antwort, dass ich sie über die Jahre nicht vergessen habe. "Es macht total Spaß, herauszufinden, welche Tricks die so angewendet haben." Das ist die Sicht eines Insiders, eines faszinierend Faszinierten.
Obwohl Edgar Müller studiert hat, ist er für mich ein Autodidakt. Fasziniert von der Malerei von Jugend auf an. Fasziniert von den Mitteln, dem Erzählerischen, der Imaginationsfähigkeit, staunend vor der Kompositions- und Gestaltungsfähigkeit der großen Meister, motiviert von Virtuosen, beeindruckt von der Konzentrationsfähigkeit, der Liebe zum Detail, der Bereitschaft detailiert hinzusehen, wirklich sehend, verstehend, verinnerlichend und in das eigene gestalterische Repertoire aufnehmend.
Es ist für mich faszinierend, Edgar Müller beim Malen zuzuschauen. Er ist ein staunend Studierender, ein veritabler Virtuose, ein Trickser. Ganz gleich, welches Motiv er wählt - stellt man Edgar Müller ein gutes Stück Asphalt zur Verfügung, inszeniert er eine betörende Aufführung eines alten Meisters, in der er selbst agierender, steuernder Protagonist, Hauptdarsteller des Bildes ist, lebendiges, quirliges, veränderliches, konzentriertes Zentrum eines gegenständlichen All-Overs. Einmal habe ich erlebt, wie Edgar eine fulminante Kopie eines bewegenden Bildes von Ilja Repin beendete. Nachdem er seine Signatur unter das vergängliche Werk setzte, brach spontaner Applaus unter dem staunenden, abendlichen Publikum aus. Damit scheint sich für mich die Prophezeihung des französischen Kunstphilosophen zu erfüllen. So wie ein Konzertmeister, der eine Symphonie nach einem Finale Furioso in Stille erstarren läßt, und von einem Applaus, der den letzten Hauch vom Klang vertreibt, aus den tiefen der Stille herausgeholt wird. Ebenso schwebt der unfassbare Klang eines Straßenbildes von Edgar Müller noch nach Tagen, wie ein leichtes Surren über der Stadt.
Alle Kunst strebt nach dem Zustand der Musik.




 


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